„Macht euch nicht in die Hosen. Wir können das Spiel noch drehen.“, schrie Bernd Schröder durch die Kabine des Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadions. Es war der 9. Mai 1990. Die neu gegründete DDR-Frauennationalmannschaft lag im Länderspiel gegen Tschechien 0:1 zurück. Ein Spiel, das Frauenfußballgeschichte schreiben sollte und es auch tat. Als erstes und einziges Länderspiel der DDR-Frauen.
Zwanzig Jahre später denkt der ehemalige Nationalcoach und heutige Trainer von Turbine Potsdam schmunzelnd an diesen Tag zurück: „Es war eine grauenvolle Kulisse“, erinnert sich Bernd Schröder. „Gerade mal 800 Zuschauer kamen zu diesem Spiel. Unsere Mannschaft lief in geliehenen blauen Männertrikots auf. Und die Teamaufstellungen wurden mit Kreide auf eine Schiefertafel gezeichnet.“ Umstände, die den damals 48-Jährigen fast in den Wahnsinn trieben. Denn für seinen Sport, den Frauenfußball, wollte er doch nur das Beste: Einen Sieg gegen die ehemalige CSFR. Er sollte die Wende im Frauenfußball bringen. Hoffnungen, die unerfüllt blieben. Die DDR scheiterte kläglich 0:3 gegen die technisch überlegeren Tschechen.
„Manchmal kommt es mir so vor als hätte diese Nationalmannschaft und dieses Spiel nie gegeben. Ehe es so richtig begonnen hatte, war es schon wieder vorbei. Das einzige, was von dieser Zeit blieb, sind vier blaue Trainingsanzüge.“, erzählt Schröder. Bis heute hängen sie im Schrank des 68-Jährigen. Gut verpackt zwischen Hemden, Trikots und Anzügen. Für ihn sind sie Erinnerungsstücke an eine aufregende Zeit. Aber auch Beweis für ein einziges grottenschlechtes Spiel.
Heute arbeitet Bernd Schröder bereits seit vierzig Jahren im Frauenfußball. Zwanzig Jahre als Trainer in der DDR. Zwanzig Jahre als Trainer in der BRD. Doch stets beim selben Verein. „Nicht alle Erinnerungen sind so schlecht, wie die an das besagte Länderspiel. Als ich 1971 half die Frauenfußballsektion bei der BSG Turbine Potsdam zu gründen, wusste ich nicht, worauf ich mich da einlasse. Ich hätte nie gedacht, dass der Frauenfußball mein Leben so verändern würde.“ Damit meint Schröder, diese Ewigkeit im Amt. Die vier Jahrzehnte in ein und demselben Verein. In einem Job, der eigentlich nur als Sprungbrett in die Männerbundesliga dienen sollte.
Heute würde er seinen geliebten Frauenfußball für kein Geld der Welt mehr verlassen. „Ich hätte jetzt auch zehn Häuser und zehn Autos haben können. Aber das ist mir nicht wichtig. Ich hab mich eben für einen anderen Weg als Hans Meyer oder Ede Geyer entschieden. Und ich würde es immer wieder so machen.“, beteuert der Turbine Trainer. Zu Recht. Schließlich ist Schröder in dem was er macht erfolgreich. Sechs Mal DDR-Meister, vierfacher Deutscher Meister und dreimaliger Pokalsieger. Turbine Potsdam gewann unter Bernd Schröder sogar einmal den UEFA-Cup und die Champions League der Frauen.
„Ich wusste nicht, worauf ich mich da einlasse“
Etwa 500 Mädchen hat der selbst mal aktive Spieler bis heute trainiert. Eine unglaubliche Zahl mit denen Trainer der Männerbundesliga nicht prahlen können. „Viele blieben über ihre ganze Karriere. Bei den Frauen wird eben nicht so viel hin und her gewechselt, wie bei den Männern. Über die Jahre erlebt man dann so viel miteinander, dass man für die Mädchen mehr ist als nur Trainer. Nämlich auch Lehrer, Erzieher, Freund und Bezugsperson. Dann mit Ihnen Titel zu holen oder sie bei einer WM zu sehen, ist natürlich die Krönung“, erklärt Schröder.
Bald wird dies wieder der Fall sein. Denn bei der WM 2011 im eigenen Land, werden einige seiner Schützlinge wieder im Trikot der deutschen Nationalelf auflaufen. Lira Bajramaj, Babett Peter, Jennifer Zietz. Ihnen wird Bernd Schröder dann von Tribüne aus zujubeln, um das Ergebnis seiner jahrlangen Arbeit zu bestaunen.
Mit 67 Jahren ist Bernd Schröder der dienstälteste Bundesliga-Trainer und der einzig übrig gebliebene DDR-Trainer. 40 Jahre „Schröder-Diktatur“, wie er diesen Lebensabschnitt selbst nennt. Vier Jahrzehnte. Eigentlich eine gute Zeit um aufzuhören, oder? „Ein Titel fehlt mir noch. Oder soll das eine jämmerliche Länderspiel etwa der Höhe- und Schlusspunkt meiner internationalen Karriere gewesen sein?“