Ein blondes Mädchen, knapp 1,70 m groß, durchtrainiert. Gewählte Ausdrucksweise, gute Schülerin, großer Freundeskreis. Wer Marisa Ewers auf der Straße begegnet käme wohl kaum darauf, dass die 22-Jährige eine der Stützen im Frauen-Bundesligateam des HSV und Juniorennationalspielerin ist. Wäre Marisa ein Mann in ähnlicher Position, sie könnte keinen Fuß vor die Tür setzen ohne von zahlreichen Passanten nach Autogrammen gefragt zu werden. „Von meinem Gehalt könnte ich zuhause ausziehen und mir eine Wohnung leisten ohne noch einen anderen Job machen zu müssen. Große Sprünge wären dann aber nicht drin“, sagt sie. Ein drei Jahre jüngerer Spieler bei den Hamburger Männern verdient bereits Millionen.
Als achtjährige hat Marisa auf der Straße mit ihren Sandkastenfreunden auf Garagentore geschossen. In einer Jugendgruppe wurde ein Trainer von Blau-Weiß 96 Schenefeld auf sie aufmerksam, riet ihrer Mutter das Kind zum Training anzumelden. „Ich habe fünf Jahre lang als einziges Mädchen in einer Jungen-Mannschaft gespielt und mich dabei sehr wohlgefühlt. Das Spiel ist schneller und körperbetonter, heute bei den Frauen bemerkt man sofort den Unterschied zwischen denjenigen, die früher mit Jungs gespielt haben und jenen, die immer mit Mädels in einem Team war.“ Am Ende wollte sie nicht weg aus der Mannschaft, beantragte beim Hamburger Fußball Verband (HFV) noch ein Jahr länger für die Schenefelder D-Jugend auflaufen zu können. Der HFV prüfte ob sie körperlich dazu in der Lage war, und erlaubte es.
„Bei den Frauen bemerkt man sofort den Unterschied zwischen denjenigen, die früher mit Jungs gespielt haben und jenen, die immer mit Mädels in einem Team war.“
Mit 13 Jahren überlegte Marisa Ewers zum HSV zu wechseln, da waren die Hamburger Talentspäher längst auf sie aufmerksam geworden. Der Schritt zu dem großen Club mit der Raute schien ihr zu früh, stattdessen ging es zu Altona 93. Familiäreres Umfeld und kürzere Wege- Statt nach Norderstedt ging es für die Schülerin der Gesamtschule Blankenese zum Training nur in den Nachbarstadtteil. „Bereits ein Jahr vorher war ich vom Hamburger Fußballverband zum Sichtungstraining eingeladen worden – und durfte bleiben. Mit der U12-Auswahl und auch in den nächsten Jahren hatten wir dann einmal in der Woche Training in Jenfeld beim HFV. Meine Eltern haben mir in dieser Zeit sehr geholfen und mich ständig durch die Stadt gefahren“, berichtet die Defensive Mittelfeldspielerin von den weiten Strecken, die auf dem Weg in die Bundesliga zurückzulegen sind. Auf dem Platz hatte Marisa damit nie ein Problem, sie kämpfte und ackerte. Schließlich wurde sie während eines U15-Länderturniers mit der Auswahlmannschaft von einem DFB-Trainer entdeckt und anschließend regelmäßig zu Lehrgängen der Jugendnationalmannschaften eingeladen.
Bevor sie ein Auslandsschuljahr in den USA absolvierte lud der HSV zum Probetraining, nach ihrer Rückkehr klappte der Wechsel. Ewers spielte zuerst in der zweiten Mannschaft und trainierte mit den Bundesliga-Spielerinnen. Nach einer Saison wurde sie hochgezogen und gehört seit 2007 zum Stamm des ersten Teams.
Ein Jahr später, das Jahr in dem sie ihr Abitur mit einem Numerus Clausus von 2,5 bestand, kam dann der Anruf von dem jeder Fußballer träumt, seit er das erste Mal gegen den Ball getreten hat. „Für die U19-WM in Frankreich 2008 stand ich auf Abruf bereit und wurde schließlich angerufen und nachnominiert. Das war unglaublich spannend, meine erste Länderspielreise. Man hat Gänsehaut wenn man die Nationalhymne hört und merkt, dass man jetzt selbst den Adler auf der Brust trägt. Im Halbfinale gegen Norwegen habe ich zum ersten Mal von Anfang an gespielt, wir haben das Spiel sehr bitter im Elfmeterschießen verloren, aber all meine Freunde saßen zuhause vor dem Fernseher und konnten das Spiel Live bei Eurosport sehen“, erzählt Marisa strahlend von den spannendsten Wochen ihrer Karriere.
Wir sitzen in einem Kaffee am Gänsemarkt, es ist brechend voll. Marisa trinkt einen Vanilla-Latte, kommt gerade aus einer Vorlesung an der Uni-Hamburg, wo sie Jura studiert. Ob und wie ihre akademische Laufbahn weitergeht weiß sie noch nicht, momentan ist sie mit den Rechtswissenschaften nicht zufrieden. „Ich kann mir vorstellen nochmal im Ausland zu spielen, möchte aber auch mit dem HSV konstanter und erfolgreicher sein als bisher.„
„Es gibt nicht so viele Talente wie bei den Herren. Da fallen nur wenige durch das Späher-Netz“
Für den HSV hat Marisa Ewers in den letzten drei Jahren 71 Mal in der Bundesliga gespielt (zwei Tore). In die A-Nationalmannschaft wurde sie noch nicht berufen, steht aber weiterhin im Kader des Talentpools U23. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Bundestrainerin Silvia Neid nach der Weltmeisterschaft im Sommer noch auf sie zukommt. Bis dahin ist es Woche für Woche ein hartes Stück Arbeit: „Wir trainieren vier Mal, einen Tag gibt es individuelle Übungen im Kraftraum. Zwei Einheiten zusätzlich an Vormittagen. Der DFB fordert das die Nationalspielerinnen, egal ob A- oder Jugendmannschaften, sieben Mal in der Woche trainieren. Wenn man das mit dem Vorlesungsplan der Uni abstimmt, ist es machbar- aber hart. Vor allem wenn man so wie ich auch noch ein Leben außerhalb des Platzes hat.“ Denn ihren kompletten Alltag auf den Sport ausrichten, möchte Marisa nicht. Sie geht wie jede junge Frau gern mit Freunden feiern, dann aber häufig früher nach Hause, wenn am nächsten Tag ein Spiel ansteht.
„Viele Mädchen haben die Chance schon früh entdeckt zu werden, weil es ganz einfach nicht so viele Talente gibt wie bei den Herren. Da fallen nur wenige durch das Späher-Netz“, sagt sie über die Talentförderung im Frauenfußball. Marisa Ewers ist nicht durch das Netz gefallen, umso mehr Mädchen sich aber für den Sport entscheiden, desto schwerer wird die Talentsichtung für den Verband. „In den Vereinen ist die Förderung aber sicher noch ausbaufähig. Turbine Potsdam hat zum Beispiel ein eigenes Frauenfußball-Internat. Da ist der HSV noch steigerungsfähig“, sagt sie. Ein kluges Mädchen, dass sich im harten- und wie sie selbst sagt oft prolligen Geschäft Fußball durchgesetzt hat.